Donnerstag, 31. Dezember 2015

Zuversicht

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.
[Friedrich Bonhoeffer, 1944]

Mittwoch, 30. Dezember 2015

Visionär

Walbert Bühlmann hatte eine Vision, und wie alle Visionäre war er seiner Zeit weit voraus:

Ich glaube, dass wir bei allem Trend zur Einheit im Wesentlichen, d.h. im Glauben an Jesus Christus und sein Evangelium ..., im Sekundären eine große Pluriformität nicht bloß tolerieren, sondern fördern sollen. Es gibt ja bereits zwei sehr verschiedene Kirchenmodelle. Die Ostkirchen, und ähnlich die Kirchen der Reformation, entwickelten mehr die Christologie und die Pneumatologie, wir in der katholischen Kirche mehr die Ekklesiologie. Jene befolgen mehr das Synodal- oder Kollegialprinzip, wir das monarchische Prinzip. Jene betonen mehr die Freiheit im Geiste, wir Autorität und Gehorsam. Wie es also bereits faktisch zwei sich ergänzende Kirchenmodelle gibt, so könnte und sollte es in Zukunft auch ein asiatisches, afrikanisches, lateinamerikanisches Kirchenmodell geben, und zusammen würden sie, wenn auch immer nur schwach, die Fülle des Kirche-Seins zum Ausdruck bringen.

[Walbert Bühlmann: Von der Kirche träumen]






Dienstag, 29. Dezember 2015

Absolutismus

Der Vatikan-Prälat Gänswein fordert das Limburger Domkapitel zum Rücktritt auf. Und dessen ehemaliger Bischof van Elst wird an herausgehobener Position im Vatikan beschäftigt. Man reibt sich verwundert die Augen.

Mit "Nebelkerze aus der Kurie" hat ein mutiger Mann, der Jesuit Klaus Mertes, eine Stellungnahme zu den Vorgängen tituliert. Und schreibt von "einer Kombination von Machtmissbrauch, Rechtsbruch und Lüge sowie ihre vergiftende Wirkung auf das Grundvertrauen innerhalb des Bistums." [Fundstelle]

"Die Gläubigen würden das nicht verstehen", hat der Vatikan früher gern argumentiert, wenn es darum ging, eine Position der Kurie auch gegen die öffentliche Meinung durchzusetzen. Die Gläubigen interessieren den Vatikan im vorliegenden Fall offenbar nicht. Man ist noch daran gewöhnt, "Roma lucuta, causa finita" zu sagen, und alles, alles ist schon wieder gut.

Nichts ist gut, so lange nicht im Vatikan eine andere Personalpolitik betrieben wird, solange überwiegend (oder: nur?) darauf geachtet wird, ob einer stromlinienförmig sich anpasst, nicht aufmuckt und vor allem, ob er rechtgläubig ist. Die Zeiten feudal-absolutistischen Herrschertums sind vorbei! Das wird man im Vatikan noch realisieren müssen.

Was treibt Gänswein um? Meint er, weil er Deutscher ist, müsse er einem deutschen geschassten Bischof zu Hilfe eilen? Oder will er seinem Ratzinger-Chef, der bei der Berufung von Tebartz sicherlich seine Hand im Spiele hatte, noch einen letzten Gefallen tun? Oder will man gar Franziskus als machtlose Marionette vorführen und damit seine Reformbestrebungen desavouieren? Was soll's? Vielleicht will er gar selbst Bischof in Limburg werden. ...Wundern würde mich gar nichts mehr. 












Montag, 28. Dezember 2015

Scholl-Latour

Peter Scholl-Latour bedauert die Veränderungen seit dem Vaticanum II:

Die neue Messe in der jeweiligen Landessprache war kaum noch wiederzuerkennen. Die schönsten Verse aus den Psalmen wurden gestrichen, und der Liturgie wurde allzu oft eine protestantische Kargheit auferlegt. Die bisherigen Fastenregeln, die ja wirklich keine übertriebene Anforderung an die Kasteiung der Gläubigen stellten, wurden im Zuge einer anpasserischen Toleranz aufgehoben. Dass der Priester nunmehr zur Gemeinde gewandt, statt in Richtung auf Gott und Jerusalem die Messe zelebrierte, widersprach jeder überlieferten Tradition. Eine Reihe von Pfaffen bemühte sich sogar, den Gottesdienst in ein fröhliches Musical, in ein Happening abzuwandeln, um den vermeintlichen Zeitgeist Rechnung zu tragen. In den Predigten war von Metaphysik und Jenseitigkeit kaum noch die Rede. ...

[Peter Scholl-Latour: Mein Leben]

Klar, Scholl-Latour hat das Recht auf seine Meinung. Und doch habe ich mich gewundert, von einem Mann seines Kalibers so etwas Rückwärtsgewandtes zu lesen.





Sonntag, 27. Dezember 2015

Familienidylle

Jesus hat seinen Eltern einiges zugemutet: Bleibt einfach in Jerusalem zurück und diskutiert mit den Theologen im Tempel und bringt sie zum Staunen. Seinen Eltern, die ihn tagelang suchten und sich ernsthaft Sorgen machten, gab er eine im Grunde ungehörige Antwort: Wusstet ihr nicht, dass ich im Haus meines Vaters sein muss?

Das ist mir heute erstmals in voller Tragweite bewusst geworden. Heute am Familiensonntag? Ja. Wollte mit meiner Frau an einem Gottesdienst teilnehmen, in einer wunderschönen Stiftskirche. Und siehe da: Es zieht mit einer großen Schar von Ministrantinnen ein Bischof ein. Mütze auf, Mütze ab, Mütze auf, Mütze ab, Herr Weihbischof hier, Herr Weihbischof da, so ging das dann die ganze Zeit. Die Predigt war mäßig, um nicht zu sagen schlecht. Die Kirche eiskalt.

So haben wir dann bald den Gottesdienst verlassen. Fluchtartig.





Samstag, 26. Dezember 2015

Predìgt

Zu Weihnachten sind die Kirchen voll, die Predigten aber langweilig, so ein Tweet von sz_magazin.

Ich finde, man soll an Weihnachten weder sich selbst noch andere überfordern. Das Fest ist einerseits überfrachtet, andererseits für viele Menschen inhaltsleer geworden. Und diesen Inhalt sollen nun andere liefern?

Das geht nicht.





Freitag, 25. Dezember 2015

Das Wort

Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht scheint in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht begriffen ...

Ein wunderbarer Text der Weltliteratur, ein grandioser Aufriss, der in wenigen Sätzen die Schöpfungsgeschichte vom Big Bang bis heute erahnen lässt.

Nada Brahma sagt Joachim Ernst Behrendt: Die Welt ist Klang. Andere sprechen vom Klang der Stille. Es ist ein und dieselbe Erfahrung. Der Mensch hat immer davon gewusst, im Weltinnenraum.





Donnerstag, 24. Dezember 2015

Weihnacht

Gott ist Mensch geworden, in Bethlehem? Ja, in Bethlehem und überall sonst auf der Erde. Gott ist auch Pferd geworden und Nachtigall, Apfelbaum und Rose und Steinpilz und Elementarteilchen.

Gott ist in seiner Schöpfung präsent, hat sich in der Schöpfung inkarniert, aber er erschöpft sich nicht in ihr, er ist immanent und transzendent.

Er ist der Urgrund, aus dem alles kommt.





Mittwoch, 23. Dezember 2015

Zwei Facetten

Interessant: Der Moraltheologe Mieth sieht beim Papst eine Art Bruchlinie, so ähnlich wie ich sie auch empfinde. [Fundstelle]

Der Papst stößt vieles an, will Reformen, will Synodalität, setzt sich für Natur und Umwelt ein und scheut nicht klare Worte an die Verantwortlichen in und außerhalb der Kirche.

Und auf der anderen Seite ist er, so meine persönliche Wahrnehmung, sehr in seiner traditionellen Theologie verhaftet, fast meint man, die intensive jesuitische Schulung, die er genossen hat, spüren zu können. In seiner "Kirchentheologie" - die Kirche als Mutter - wirkt er durchaus traditionsverhaftet.

Mieth kann eine gewisse Skepsis nicht verhehlen: In der Summe, sagt er "... bin ich skeptisch. Wo sind die Optionsgrenzen dieses Papstes? Franziskus hat das Problem, Freiheit gewähren und gleichzeitig etwas durchsetzen zu wollen. ... Ich sehe einen Stilwechsel und eine Option für Kollegialität. Sicher, es ist etwas in Bewegung. Aber ich weiß nicht, wohin es führt."




Dienstag, 22. Dezember 2015

Eins nach dem anderen

"Auf die Schwere der Sünde antwortet Gott mit der Fülle der Vergebung."

So die Botschaft eines Tweets von pontifex_de vom 20. Dezember.

Eine zwar gut gemeinte und doch seltsame Botschaft, wie mir scheint. Zum einen ist "Sünde" die Lieblingsvokabel des Pontifex und sein bevorzugtes Thema. Zum anderen stimmt für mich die dahinterliegende Theologie nicht: Es ist doch nicht so, dass der Mensch zuerst sündigt (wie auch immer) und dass im Anschluss daran Gott kommt und ihm diese seine Sünde vergibt. 

Gott und Mensch sind keine getrennten Entitäten, Gott und seine Schöpfung sind EINS. 

Was noch auffällt: Der Papst spricht im Grunde nur von den Sünden der Menschen, die von der Kirche begangenen schweren Verfehlungen hingegen bleiben ausgeblendet. 





Montag, 21. Dezember 2015

Vogel, flieg!

Sollen sie einem leid tun, die hohen Prälaten im Vatikan und anderswo? Man hat sie danach ausgesucht, ob sie stromlinienförmig genug waren, hat sie gelehrt, am Status quo (sprich: an der sogenannten Tradition) festzuhalten, nach oben zu schielen, ob sie ihre Sache gut gemacht haben, sich anzupassen, Entscheidungen an die Zentrale zu delegieren ... (nicht alle haben so gehandelt, aber zu viele von ihnen)

Und nun kommt der neue Chef, Franziskus, und verlangt von ihnen das genaue Gegenteil: Nun sollen sie selbständig sein, sollen Iniative entwickeln und vor Ort entscheiden, was richtig und was falsch ist, was der konkreten Situation angemessen ist. Das verunsichert.

Der Papst tut genau das, was Vogeleltern nach Abschluss des Brutgeschäftes immer tun: Sie vertreiben die nun flügge gewordenen Jungen aus dem schützenden Nest, damit sie selber fliegen und sich mit Nahrung versorgen.

Die jungen Vögel lernen das sehr schnell, sie lieben die Freiheit. Die Prälaten werden es auch lernen.





Sonntag, 20. Dezember 2015

Hübsch

Aus einem spanischen Weihnachtslied:

Sopas le dieron al Nino
No se las quizo comer
Y como estaban tan dulces
Se las comiò San José.

Suppen gaben sie dem Jesuskind,
aber es wollte sie nicht essen.
Und weil sie so süß waren,
Aß sie der Heilige Josef.





Samstag, 19. Dezember 2015

Lang ist's her

Vor 600 Jahren (genau: am 6. Juli 1415) wurde er ermordet, der tschechische Reformator Jan Hus. Ermordet? Aber nein doch. Das Konzil von Konstanz hat ihn wegen einiger "Häresien" zum Tode verurteilt und standrechtlich hingerichtet.

Was hat er sich zu Schulden kommen lassen, der gefährliche Mann? Im Grunde nichts. Er hat lediglich der kirchlichen Obrigkeit einen Spiegel vorgehalten, hat zum Beispiel die Praxis der Simonie angeprangert, und war nicht bereit zu widerrufen. Ich kann seine Standfestigkeit nur bewundern.

Gab es je ein Wort des Bedauerns von seiten der Hierarchie? Nicht dass ich wüsste.





Freitag, 18. Dezember 2015

Einer gegen alle

Hans Küng ist mit dem Kopf gegen die Kurie angerannt und hat blaue Flecken davongetragen. Walbert Bühlmann hat sich im Kampf mit der Kurie eine blutige Nase geholt. Wie wird es dem Papst in der Auseinandersetzung mit seiner Kurie gehen?

Einer allein hat gegen den Monolithen namens Vatikan keine Chance. Nicht einmal Jesus, vor 2000 Jahren, konnte das religiöse Establishment in Israel verändern.

Verändern wird sich erst dann etwas, wenn der Aufbruch von innen kommt, wenn sich das neue Denken, von dem viele spirituelle Lehrer schreiben, Bahn bricht. 





Donnerstag, 17. Dezember 2015

Träumen oder Leiden?

Bin (wieder) auf das Buch "Von der Kirche träumen" von Walbert Bühlmann gestoßen. Eigentlich müsste der Titel "Von einer anderen Kirche träumen" lauten oder noch besser "An der Kirche leiden".

Bühlmann, geboren 1916, war Kapuziner aus der Schweiz, lange Zeit Missionar in Afrika, dann Dozent für Missionswissenschaft in Fribourg.

Er hält den Verantwortlichen in der Kirche einen Spiegel vor, gerät in scharfe Auseinandersetzungen mit der Kurie, spricht mir aus der Seele. Er ist in der Theologie bewandert, kennt die kirchlichen Strukturen von innen. Ich bin nur Laie, der die Dinge von außen sieht und der (immer noch, warum eigentlich?) an der Kirche leidet.

Ich werde auf das Buch von Bühlmann zurückkommen.





Mittwoch, 16. Dezember 2015

Gottes Wort

Auf Twitter findet sich unter vielem Geröll manchmal ein Edelstein:

"Das Evangelium ermutigt, macht frei, froh und stark. Wo Menschen religiös klein gehalten werden, da ist nicht Gottes-, sondern Menschenwort."

[Fundstelle]





Dienstag, 15. Dezember 2015

An wen glauben?

"Viele Menschen glauben heutzutage, dass sie Gott verworfen hätten, doch das ist nicht wahr. Sie haben nur den Gott verworfen, mit dem sie erzogen worden sind, und vielleicht bringt sie das wieder dazu, darüber nachzudenken, an welche Art von Gott sie glauben wollen."

[Wingate Paine: Der Weg zum Selbst. Gespräche mit dem unsichtbaren Freund Emanuel]





Sonntag, 13. Dezember 2015

Gaudete?

Auch der Papst spricht von Freude und mehr noch von der Barmherzigkeit Gottes. Doch zuvor muss der Mensch als Sünder apostrophiert, um nicht zu sagen: gebrandmarkt werden: Gott höre nicht auf, dem Sünder zu verzeihen, wiederholt er sinngemäß immer wieder. Der Mensch ist in Sünde geboren, nur Maria, die Mutter Jesu, sei von der Ursünde, Erbsünde genannt, ausgenommen (am 8. Dezember wurde ihr Fest gefeiert). Erbsünde? Was ist das? "Erbsünde wird als ein Schuldzusammenhang verstanden, in den alle Menschen hineingeboren werden. Heute wird diese gesellschaftlich interpretiert: Dem Hass, der Lüge und dem Egoismus dieser Welt kann sich niemand entziehen", sagt der Theologe Manfred Becker-Huberti.
[Fundstelle] Das klingt in meinen Ohren reichlich kryptisch. Gaudete?
Franziskus weiter: „Keine Kategorie von Menschen ist davon ausgeschlossen, den Weg der Umkehr zu gehen und das Heil zu erlangen, nicht einmal die Zöllner, die als Sünder schlechthin angesehen wurden“, erklärte Franziskus. [Fundstelle]
Woher das Insistieren des Pontifex auf der Situation der Sündhaftigkeit? Der Papst hat viele Facetten, ist neben vielem anderen ein Kind seiner ignatianischen Ausbildung. Und vielleicht spielt bei ihm, ohne dass es ihm bewusst ist, auch folgender Gedanke eine Rolle: Die Kirche versteht sich als Mittlerin der Versöhnung und Gnade, und Sünder sind auf diese Vermittlerrolle in besonderer Weise angewiesen. Die Kirche also als Instanz, die zwar von Barmherzigkeit spricht, aber auf ihrer Machtposition beharrt?






Gaudete

Mit "Gaudete!" ist der dritte Adventssonntag überschrieben. Freut euch! Und prompt stellt sich ein passender Zen-Tweet ein:
Make up your mind to rejoice in this paradise called life. ~ Lao Tzu







Samstag, 12. Dezember 2015

Zwei Päpste

Wer nahe genug dran war, in Rom, bei der Eröffnung der sogenannten heiligen Pforte, hat vielleicht hören können, ob die zwei Päpste sich etwa mit "Petri Heil!" begrüßt haben.

Aber nein. Schmarrn beiseite. Das war nur der Aufhänger für die Frage, warum wir zwei Päpste haben. Klar, einer der beiden ist emeritiert, der andere ist aktiv, aber es sind und bleiben zwei Päpste.

Der emeritierte Papst lebt sehr zurückgezogen im Vatikan, fast wie in einem Kokon, abgeschirmt von der Außenwelt, trägt aber nach wie vor sein weißes Gewand und bei Feierlichkeiten Festgewänder aus Brokat wie eh und je.

Warum kann ein Kleriker, sei er Papst oder Kardinal oder Bischof oder was auch immer, der sein Amt abgibt, nicht zurücktreten in die zweite oder dritte Reihe und sich wieder in das "gemeine Kirchenvolk", aus dem er ja stammt, einreihen? 

Offenbar geht das nicht, denn der Weihegrad bleibt ihm nach kirchlichem Verständnis erhalten. Die Weihe eines Amtsträgers hat etwas Verdinglichtes, das man handhaben, mit dem man hantieren kann. 

Doch handelt es sich dabei um magisches Denken, das endlich überwunden werden muss.





Freitag, 11. Dezember 2015

Barmherziger Gott

Wenn die Kirche barmherzig wäre, dann bräuchten wir kein Jahr der Barmherzigkeit. 

So lautete sinngemäß eine Nachricht, die ich auf Twitter erhalten habe, ihr ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Oder doch?

Wenn die Kirche in den vielen Jahrhunderten ihrer Geschichte nicht bevorzugt den gerechten, den rächenden, ja den eifersüchtigen Gott gepredigt hätte, sondern den barmherzigen Gott, dann bräuchte es kein besonderes Jahr der Barmherzigkeit, denn dann wäre jedes Jahr ein Jahr der Barmherzigkeit. 

Brauchen "wir" dieses jetzt begonnene Jahr der Barmherzigkeit? Nein, nicht zu den Konditionen der Kirche. Der Papst selbst ist es, der dieses Jahr "braucht". Vielleicht, weil er genügend Gespür dafür hat, was in der Kirche bisher falsch gelaufen ist? Vielleicht, weil er einen kräftigen Impuls erhofft für die überfälligen Reformen, die er schon angestoßen hat oder noch anstoßen will? Mag sein. 

Der Papst selbst sagte, die Kirche brauche ein Heiliges Jahr der Barmherzigkeit, weil sie in einer Epoche des tiefgreifenden Wandels in besonderer Weise aufgerufen sei, "sichtbar Zeugnis abzulegen für Anwesenheit und Nähe Gottes". [Fundstelle]

Was wir bräuchten, das ist ein Jahr des Schuldbekenntnisses. Die Kirche als Institution müsste endlich Abbitte leisten für das Unrecht, das sie vielen Menschen zugefügt hat (Zwangsbekehrungen, Schismen u.a.), für all das Leid (und die Angst), das von ihr im Laufe der Geschichte ausgegangen ist (Hexenverbrennungen, Inquisition), sie müsste um Vergebung bitten für die Verfolgungen, denen Menschen durch sie ausgesetzt waren und sind (zum Beispiel die sogenannten Häretiker). Das wäre, so scheint es mir, ein wirklicher Akt der Barmherzigkeit.

Die Welt würde aufhorchen. Himmel und Erde würden jauchzen und singen.





Donnerstag, 10. Dezember 2015

Reich Gottes

Das Reich Gottes braucht nicht vorangetrieben zu werden. Es dehnt sich mühelos aus ohne unsere ängstliche Mithilfe. Sei auf der Hut vor der Angst. Sie enthüllt deine Selbstsucht, oder nicht?

[in: Anthony de Mello: Warum der Vogel singt]





Mittwoch, 9. Dezember 2015

Double-bind

Die oberste Kirchenleitung taucht ein in die Barmherzigkeit, ruft sogar ein Jahr der Barmherzigkeit aus. Denn Gott ist der Barmherzige, und Jesus, sein Botschafter, hat uns das nahe gebracht.

Wer es aber mit den (von der Kirche gemachten) Dogmen zu tun bekommt, weil er zum Beispiel nach einer Scheidung wieder geheiratet hat, der bleibt im Dauerkonflikt. Er wird exkommuniziert, soll sich aber, bitteschön, nicht so fühlen, denn wir sind ja barmherzig, doch mit wirklicher Barmherzigkeit ist es hier sehr schnell vorbei.

Erinnert mich in fataler Weise an eine Double-bind Situation. Beziehungsfalle wird das auch genannt. Wirkt halt ziemlich verlogen.










Dienstag, 8. Dezember 2015

Heiliges Jahr

Heute hat es begonnen, das außerordentliche Heilige Jahr, das Jahr der Barmherzigkeit. Und die heilige Pforte wurde geöffnet, zuerst die in Rom, weitere werden folgen. Dem, der sie durchschreitet, ob mit oder ohne Eintrittskarte, soll ein Ablass auf seine Sündenstrafen zuteil werden. 

Luther würde dies wohl tolerieren, denn mit Ablass wird heute, wie es scheint, nicht mehr gehandelt.

Aber eine Verdinglichung und Verwaltung der göttlichen Gnadengaben steckt schon noch drin. Ganz hat sich magisches Denken noch nicht verflüchtigt.

Und warum eine heilige Pforte? Sie hat symbolischen Charakter, klar. Aber wenn nicht jede Pforte, jede Tür, wenn nicht alles heilig ist, dann mag man auf die heilige Pforte auch verzichten. Alles so zu behandeln, als wäre es heiliges Altargerät, das wäre gut. Folgten wir dem Aufruf von Anselm Grün, dann würden sich zum Beispiel die gravierenden Umweltprobleme lösen lassen, dann würde man bei den Klimaverhandlungen in Paris eine für alle Menschen gute Lösung finden.





Montag, 7. Dezember 2015

War da was?

Fast hätte man den Eindruck gewinnen können, als hätten sie Angst davor, sie müssten Karl Marx heilig sprechen, wenn sie zugeben, dass er vielleicht mit der einen oder anderen Analyse nicht ganz so Unrecht gehabt haben könnte. Die Hierarchie hat sich schwer getan mit der Befreiungstheologie, weil diese eventuell von marxistischem Gedankengut hätte kontaminiert sein können. Und die Befreiungstheologen haben sich schwer getan mit den vatikanischen Glaubensbeamten. Sehr schwer sogar.

Und nun, so heißt es, soll erstmals der "Vater der Befreiungstheologie", der peruanische Dominikaner Gustavo Gutiérrez, bei einer offiziellen Pressekonferenz des heiligen Stuhles sprechen. 
[Fundstelle]

Im November hatte der Papst mit Jon Sobrino gesprochen und hat ihn ermutigt, sich nicht von der lehramtlichen Zensur einschüchtern zu lassen. Nach Leonardo Boff und Gustavo Gutiérrez ist er der dritte Befreiungstheologie, mit dem sich Franziskus getroffen hat. Dies mache deutlich, dass der Vatikan nach langen Jahren der Verunglimpfung und Ausgrenzung die Befreiungstheologie rehabilitiert habe.
[Fundstelle]

Es wäre längst an der Zeit, dass der Vatikan sich selbst befreit. Dass er sich frei macht von seinen starren Haltungen, seinem Glauben an dogmatische Spitzfindigkeiten, von der Unterstützung der Mächtigen. Mit Franziskus, der die Wirklichkeit der Armen kennt, hat diese Zeit wohl endlich begonnen. Dieser Papst ist dabei, den Vatikan und die hohen Prälaten vom Kopf auf die Füsse zu stellen.





Sonntag, 6. Dezember 2015

Die große Kluft

"Es geht nicht darum, dass wir immer zu 100 Prozent alles wissen, zu 100 Prozent gläubig sind", sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz am Wochenende in München. "Wer kann das sein?" Es gehe vielmehr darum, dass die Sehnsucht nach dem Glauben niemals aufhöre, "dass wir Ausschau halten".
[Fundstelle]
Sehnsucht nach dem Glauben, wie denn das? Geht es nicht vielmehr um die Sehnsucht nach Gott? 

Stellt man dem gegenüber, was Reinhard Körner über das Beten und Glauben sagt, dann wird die große Kluft deutlich, die den Kardinal und den Karmeliter trennt:
Inneres Beten heißt: sich zu Gott hinwenden von Ich zu Du, „an Gott denken“, sich seine Gegenwart bewusst machen, zu Gott „du“ sagen und dieses „du, Gott …“ auch wirklich meinen.
Inneres Beten hat keine Methode, die man erlernen müsste. Inneres Beten ist selbst die „Methode“, die einzige und allein notwendige, die man „können“ muss, um im eigentlichen Sinne ein glaubender Mensch zu sein – ein „von innen her“ glaubender Mensch, worauf Jesus so viel Wert legte. Es ist etwas ganz einfaches. Jeder kann es (schon).



Samstag, 5. Dezember 2015

Beten

Der Karmelit P. Reinhard Körner zitiert Edith Stein:

„Wo nur Gebetsworte gesprochen werden, ohne dass der Geist sich zu Gott erhebt, da liegt nur dem äußeren Scheine nach, nicht in Wahrheit ein Gebet vor.“

„Ein Mensch kann dogmenfest sein, ohne gläubig zu sein, d. h. ohne den religiösen Grundakt einmal vollzogen zu haben, geschweige denn, darin zu leben. Er kann im Sinne der Dogmen sein Leben führen, ohne aus dem Glauben zu leben. Seine Werke können durchaus korrekt sein, aber sie sind nicht wahrhaft um Gottes willen getan und können auch nicht vor Gott wohlgefällig sein.“

[in: Reinhard Körner OCD: Inneres Beten. Der kleine Schritt in einen lebendigen Glauben]






Freitag, 4. Dezember 2015

Scheuklappen, was denn sonst?

Den Scheuklappen-Katholizismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf. Das schreibt Andreas Püttmann über die (Nicht-)Berichterstattung zur Wahl des neuen Präsidenten des Zentralkomitees der deutschen Katholiken.
[Fundstelle]

Dem ist im Grunde nichts hinzuzufügen. Außer dass katholische Laien mindestens so verbohrt wenn nicht noch verbohrter als die hohen Prälaten sein können. Die Herrschaften sollten sich die Einlassungen des früheren ZdK-Präsidenten Alois Glück zu Gemüte führen.
[s. auch]





Donnerstag, 3. Dezember 2015

Zielstrebig

Gutta cavat lapidem non vi, sed saepe cadendo. Steter Tropfen höhlt den Stein. Das scheint die bewusste oder unbewusste Strategie des Papstes zu sein. Er argumentiert mit Barmherzigkeit, immer wieder, wer wollte ihm das verübeln. In der Barmherzigkeit werde die mütterliche Dimension Gottes sichtbar.

Die Kirche falle manchmal in Versuchung, eine harte Linie zu fahren und nur die moralischen Normen zu betonen, sagt er. Die Welt müsse aber entdecken, dass Verurteilung nicht der Weg ist.
[Fundstelle]

Zum Verhältnis Katholizismus/Protestantismus sagte er: Wir beten zusammen, wir arbeiten zusammen für die Bedürftigen, wir sind in brüderlicher Liebe verbunden. Aber wir sind getrennt, weil Eure dogmatischen Bücher das Eine sagen und unsere das Andere. Doch einer Eurer großen Theologen hat einmal gesagt, es sei Zeit für 'versöhnte Verschiedenheit'. Bitten wir um die Gnade solch einer 'versöhnten Verschiedenheit.
[Fundstelle]

Das sind neue, ungewohnte Töne von einem katholischen Kirchenoberhaupt. Er beharrt nicht auf Suprematie und verzichtet auf Besserwisserei. Er öffnet Türen, die lange verschlossen waren.





Dienstag, 1. Dezember 2015

Alle Jahre wieder

Wen hat sie nicht schon heimgesucht, die alljährlich anstehende Weihnachtsfeier. Viele nehmen sie einem Artikel in der Zeit zu Folge als lästige Pflicht wahr. Man kann sich ihr kaum entziehen, wenn man nicht als unkollegial erscheinen will. Die Chefs sehen sie als Möglichkeit, die Motivation der Mitarbeiter zu steigern.

"G'soffen hamma", sagte mir vor Jahren eine Frau über die Weihnachtsfeier in ihrer Firma, sie führte gerade ihren Hund im Englischen Garten Gassi. Ich selbst erinnere mich an einen alkoholisierten Kollegen, der bei der feierlichen Ansprache des obersten Chefs eingeschlafen und fast vom Stuhl gefallen ist. Usw. usf.

Weihnachten? Mit Weihnachten hat das absolut nichts zu tun.






Wann kommt der Nikolaus?

Santa Claus comes down the chimney ... so haben wir es vor Jahren im Englisch-Unterricht gelernt. Damals gab es ihn noch, den heiligen Nikolaus, ehe dann aus den USA der Weihnachtsmann herübergeschwappt ist und die dann immer mehr überhand nehmende Kommerzialisierung des Weihnachtsfestes eingeleitet und eingeläutet hat. Seither klettern sie an vielen Hauswänden hoch, immer noch und immer wieder, die Weihnachtsmann-attrappen. Lichtinstallationen überfluten Häuser und Gärten und überziehen das Christfest mit kaum erträglichem Firnis aus kaltem LED-Licht.

Zu klagen bringt nichts, das alles ist ein Symptom für den Zustand unserer Gesellschaft, die so gern als christlich apostrophiert wird. Die Kirchen haben viel von ihrer spirituellen Kraft verloren, sie können dem nicht wirklich etwas entgegensetzen.




Montag, 30. November 2015

Bitte nicht stören

Vor vielen Jahren war ich auf Grund eigener Entscheidung an Weihnachten allein. Aus einer Laune heraus frage ich in einer Abtei, ob dort ein Aufenthalt über die Feiertage möglich wäre. Ich telefoniere mit einem Frater, mit dem ich nach einem früheren sehr schönen Aufenthalt ("Kloster auf Zeit") noch in losem Kontakt war. Seine kurze Antwort: Nein. An Weihnachten wollen wir unter uns sein.

An diese kleine und im Grunde belanglose Erfahrung habe ich mich im Zusammenhang mit der Diskussion über die vielen Flüchtlinge wieder erinnert. Auch die Flüchtlinge suchen einen Unterschlupf, auch sie stören das behagliche Zusammensein im Lande, auch sie sollen draußen bleiben.

Ein Testfall für Weihnachten?





Samstag, 28. November 2015

Wie ein Mann ...

Der Papst in Kenia: Flammende Rede in einem Armenviertel [NZZ]
Diese Welt lädt schwere Schuld auf sich. [katholisch.de]
Papst fordert Führung in Uganda zur Rechtschaffenheit auf. [katholisch.de]

Der Papst, ein Mann der Tat und der klaren Worte, nimmt auf seiner Afrika-Reise kein Blatt vor den Mund. Er scheut sich nicht, den Machthabern ins Gewissen zu reden.

Wirklichkeitstest Weihnachten [katholisch.de]

Auch die deutschen Bischöfe tun etwas, nehmen sich des Flüchtlingsproblems an. Doch vermisse ich eine klarere Unterstützung der Position der Kanzlerin. Sie müssten aufstehen "wie ein Mann" und Stellung beziehen, auch auf die Gefahr hin, sich unbeliebt zu machen. Der Papst scheut diese Gefahr in Afrika jedenfalls nicht.








Freitag, 27. November 2015

Der Abwasch

Spülen Sie das Geschirr in entspannter Haltung, so als sei jede Schale ein Gegenstand Ihrer Betrachtung. Behandeln Sie jeden Teller als etwas Heiliges. Folgen Sie Ihrem Atem, damit Ihr Geist nicht abschweift. Geraten Sie nicht in Eile, um die Arbeit hinter sich zu bringen. Betrachten Sie den Abwasch in diesem Augenblick als das Wichtigste auf der Welt. Abwaschen ist Meditation. Wenn Sie nicht achtsam abwaschen können, gelingt es Ihnen auch nicht zu meditieren, wenn Sie still sitzen.

[Thich Nhat Hanh: Das Wunder der Achtsamkeit]





Donnerstag, 26. November 2015

Mystiker

Mystiker hat es immer gegeben, zu allen Zeiten und in allen Religionen. In der "Kirche" hatten sie oft Probleme, sie waren nicht orthodox genug. Einer der größten Mystiker des 20. Jahrhunderts ist wohl Eckhart Tolle.

Bruder Lorenz von der Auferstehung aus Lothringen, erst Soldat im dreißigjährigen Krieg, später Karmeliter, lebte im 17. Jahrhundert. "Sein" Thema war die Vergegenwärtigung Gottes. Seine einfache Übung, sich der Präsenz Gottes bewusst zu sein, spricht mich sehr an. Bruder Lorenz als Mystiker wird der Gefahr, Gott als von sich getrennte "Entität" zu sehen, sicherlich nicht erlegen sein.

[R. Körner: Im ständigen Umgang mit Gott. Fundstelle]

Die Kirche als Institution könnte von Mystikern viel lernen. Nein, nicht: könnte! Sie muss von ihnen lernen, denn die Kirche der Zukunft wird eine mystische sein oder sie wird nicht mehr sein (K. Rahner).








Mittwoch, 25. November 2015

Erleuchtung

Das Geheimnis der Erleuchtung heißt: iss, wenn du hungrig bist, schlaf, wenn du müde bist. 
Der Zen-Meister ermahnt: Begegnest du dem Buddha, so töte ihn. Diese Mahnung weist darauf hin, dass kein Sinn, der von außerhalb unserer selbst kommt, wirklich ist.
Wir haben alle die Buddhaschaft schon, wir müssen es nur wahrnehmen. Philosophie, Religion, Patriotismus sind leere Götzen; der einzige Sinn, den unser Leben hat, ist der, den wir selbst ihm geben. Den Buddha töten heißt, die Hoffnung zerstören, dass irgend etwas außer uns selbst unser Meister sein kann. Keiner ist größer als irgendwer sonst.

[Sheldon B. Kopp: Triffst du Buddha unterwegs ... Psychotherapie und Selbsterfahrung]





Dienstag, 24. November 2015

Pecunia non olet

Pecunia non olet sagte man im alten Rom. Im neuen Rom und seinen Außenstellen scheint das noch immer zu gelten. 

Kaum sind die deutschen Bischöfe aus Rom zurück, werden pikante Details aus der Diözese Augsburg bekannt. Im Augsburger Dom, so verkündet Bischof Zdarsa gut gelaunt, soll ein 20 Jahre alter Bronze-Altar durch ein 300.000 Euro teures Steinensemble ersetzt werden. Wenige Tage zuvor hatte eben dieser Bischof die katastrophalen Verhältnisse in einer menschenunwürdigen Flüchtlingsunterkunft kritisiert. Auf die Idee, hier Geld zu investieren, kam er nicht.

[Süddeutsche]

Nach Recherchen der Süddeutschen Zeitung hat das Bistum Augsburg in den vergangenen Jahren einer einzelnen Künstler-Werkstatt Aufträge in Höhe von mehr als 1,4 Millionen Euro erteilt, ohne eine öffentliche Ausschreibung vorgenommen zu haben. "Ein Hauch von Limburg" schreibt die Zeitung. Usw. usf.

[Süddeutsche]

Geld mag zwar nicht stinken. Das Finanzgebaren mancher Diözesen hingegen stinkt zum Himmel.





Montag, 23. November 2015

Tradition

Jeden Abend, wenn der Guru sich zur Andacht niederließ, pflegte die Ashram-Katze herumzu-streunen und die Beter abzulenken. Also ließ er die Katze während des Abendgottesdienstes anbinden.
Lange nach dem Tode des Gurus wurde die Katze stets während des Abendgottesdienstes ange-bunden. Und als die Katze schließlich starb, wurde eine andere Katze in den Ashram gebracht, so dass man sie ordnungsgemäß während des Abendgottesdienstes anbinden konnte.
Jahrhunderte später schrieben die Schüler des Gurus gelehrte Abhandlungen darüber, welch wichtige Rolle eine Katze in jedem ordentlich gestalteten Kult spiele.

[Anthony de Mello: Warum der Vogel singt]





Sonntag, 22. November 2015

Welchen Weg soll ich gehen?

"... wenn ihr es nicht rigoros auf die Probe stellt, erwartet ihr, dass eine aussichtsreiche Sache sich einstellt, solange ihr einem bestimmten Weg folgt. Aber es gibt keinen zuverlässigen Weg, der immer existiert. Es ist kein Weg für uns bereitet. Augenblick für Augenblick haben wir unseren eigenen Weg zu finden. Irgend eine Vorstellung von Vollkommenheit oder irgendein vollkommener Weg, der von jemand anderem vorgezeichnet wurde, das ist nicht der wahre Weg für uns."

[Shunryu Suzuki: Zen-Geist Anfänger-Geist. Unterweisungen in Zen-Meditation]

Wie passt das zusammen mit dem Satz von Jesus: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben? 

Ich sehe keinen Widerspruch. Denn ich kann Jesus nicht imitieren. Ich kann ihn anschauen, muss aber meinen Weg auf meine eigene Weise gehen. Nein, so ist es nicht ganz richtig. Ich muss nicht meinen Weg gehen, ich brauche nur zu gehen. Es gibt keinen Weg, nur Gehen, sagte Joachim Ernst Behrendt.



Samstag, 21. November 2015

Moral des Westens?

Die Versuchung, die Grenzen zu schließen und das Ende der Willkommenskultur zu verkünden, ist mit Händen zu greifen. Aber nicht nur die Moral, auch die politische Klugheit verbietet diesen Kurzschluss. Er würde bestätigen, dass Europa seine sittliche Substanz verloren hat und moralisch entkernt ist. Dass es nur eines äußeren Anstoßes bedarf, um die Mauern eines dysfunktionalen Systems zum Einsturz zu bringen. ...
Europa kann der heutigen Welt kein geschlossenes Bild mehr von sich vermitteln. Schwindet die Nächstenliebe, ist auch das Prinzip der gleichen Freiheit gefährdet. ...
... bietet der Flüchtlingsstrom mit seinem Zwang zur Integration dem Westen die Chance, sich der moralischen Tiefe seiner eigenen Tradition wieder neu zu vergewissern, den offenkundigen Makel des Kapitalismus zu korrigieren, statt den Liberalismus vor den Augen der muslimischen Fundamentalisten zur bloßen Permissivität und zu einem achselzuckenden Werterelativismus verkommen zu lassen.

[Romen Leick: Die Macht der westlichen Moral. Spiegel 48/2015]

Vergleichbares ist mir von den Bischöfen bisher nicht erinnerlich.



Freitag, 20. November 2015

Wer wird denn verzagt sein!

Die deutschen Bischöfe waren beim Papst zu ihrem ad limina Besuch. Zum Abschied sagte Ihnen der Papst u.a., die Kirche in Deutschland solle die lähmende Resignation überwinden und nicht auf die 'gute alte Zeit' setzen.

Hough, er hat gesprochen.

Wenn das keine Sprengladung ist. Der Papst weiß sehr genau, wovon er spricht. Glückwunsch dazu!

[Twitter]





Donnerstag, 19. November 2015

Heiler

Jesus ist in Palästina als Wanderprediger aufgetreten, und er war ein Heiler. Unser Pfarrer hat ihn im Religionsunterricht immer als Heiland bezeichnet. Jesus war ein Heiland, hat die Menschen von physischen, psychischen und spirituellen Gebrechen geheilt. Seinen Anhängern, die ihn bewundert haben, gab er zur Antwort: Solche und noch größere Dinge könnt auch ihr vollbringen. Und sie konnten es, wenn man den Berichten glauben mag.

Wo sind die heilerischen Qualitäten, wo sind die Heiler in der Kirche von heute? Müssten nicht die hohen Amtsinhaber diese Fähigkeiten haben oder versuchen, sie in sich auszubilden? Statt dessen hat man sich auf die Ratio verlegt und darauf, "die Lehre rein zu erhalten". Von den Auswüchsen im Mittelalter ganz zu schweigen.

Um es plakativ zu sagen: Heute wird in der Kirche nicht mehr geheilt, sondern es wird vielfach Leid zugefügt, krankmachendes Leid.





Mittwoch, 18. November 2015

Gotteserfahrung

Während der traditionelle Glaube immer mehr schwindet, kann man auf einer tieferen Ebene ein großes Verlangen nach Gott beobachten, und das oft gerade bei Menschen, die, obwohl ursprünglich oder ihrer Herkunft nach christlich, den inneren Kontakt mit jeder Kirche verloren haben. ...
Es ist wohl kein Zweifel, dass nur die Glaubens-erfahrung, genauer gesagt, die Gotteserfahrung diese Menschen zum Ziel führen kann. ...
Der Mensch muss sich selber darum bemühen, wenn und soweit das von seiner Seite her möglich ist, und sollte es nicht dem 'Zufall' überlassen, ob ihn dieser Strahl trifft. ...
Ein solches Bemühen ist tatsächlich möglich und auf dem Wege der Meditation sogar aussichtsreich. ...

[Hugo M. Enomiya-Lassalle: Meditation als Weg zur Gotteserfahrung]





Dienstag, 17. November 2015

Frömmigkeit

Eine Frau erzählte, als sie sich wie gewohnt zur Meditation gesetzt hatte, sei ihr bewusst geworden, dass sie unwillkürlich die in der Kindheit gelernte Haltung der Ehrfurcht eingenommen habe. Und dann sei es ihr fast so gewesen, als würde Gott sagen: Warum tust du denn so fremd?

Schöner kann man kaum zum Ausdruck bringen, dass Frömmigkeitsübungen - seien es Haltungen, Rituale, Gottesdienste - nicht unbedingt zu Gott hinführen, sondern eher weg von ihm.

Ach ja, dass ich es nicht vergesse. Die Frau, die mir diese Erfahrung anvertraute, ist nicht irgendeine Frau, sie ist meine Frau.





Montag, 16. November 2015

Teresa

Nichts verwirre dich,
nichts erschrecke dich,
alles vergeht.
Gott ändert sich nicht.
Die Geduld erreicht alles.
Wer sich an Gott hält,
dem fehlt nichts.
Gott allein genügt.


Das Gebet einer großen Mystikerin, das, recht verstanden, gut in unsere Zeit passt.

[Teresa von Avila]





Sonntag, 15. November 2015

In brennender Sorge

45 bayerische Ordensobere haben in einem offenen Brief scharfe Kritik an der Flüchtlingspolitik von Horst Seehofer geübt. Sie wenden sich damit gegen Botschaften, die suggerieren, dass unsere Gesellschaft mit den Flüchtlingen überfordert ist und verwenden sogar ein Zitat aus einer Enzyklika von Pius XI. Dies soll ihre große Sorge deutlich machen, dass die Stimmung in der Gesellschaft kippt.

[Fundstelle]

Hätte dieser Brief oder eine vergleichbare Botschaft nicht auch von den Bischöfen kommen müssen? Mir ist keine entsprechende Aktion bekannt. Doch weisen die Bischöfe Finanzminister Söder gegenüber die Vorwürfe zurück, sie wollten mit der Vermietung von Flüchtlingsunterkünften Geld verdienen.

Geld ist ihnen also wichtig. Und auch noch das heilige Jahr, denn sie rufen die Gläubigen zur Mitfeier auf, um Gott und den Mitmenschen näher zu kommen.(sic!)

[Fundstelle]
[Fundstelle]





Samstag, 14. November 2015

Terrorismus

Neuer Terror in Paris, Attentate des IS fordern mehr als 120 Todesopfer und mehrere Hundert Verletzte. Gestern Abend. Weltweite Empörung. Hilfslosigkeit angesichts einer Bedrohung, die jedes Land, jede Stadt, jeden Bewohner treffen kann ... Eine Situation, die jene Syrer, die in Europa Hilfe suchend umherirren, nur zu gut kennen.

Die Terroraktionen zeigen, wohin falsch verstandener Glaube - Pseudoglaube - führen kann und schon oft geführt hat. Ein Glaube, der nicht das Verbindende, sondern das Trennende betont: Wir allein sind im Besitz der Wahrheit. Die "anderen", die "Ungläubigen" darf, ja muß man vernichten.

Wieviel muß noch geschehen, bis die Menschheit aus ihrem Traum erwacht und beginnt reifer zu werden?






Freitag, 13. November 2015

Ausgeschlossen

Ein allgemein bekannter Sünder wurde exkommuniziert. Man verbot ihm, die Kirche zu betreten.
Er klagte Gott sein Leid. "Sie wollen mich nicht hineinlassen, Herr, weil ich ein Sünder bin."
"Warum jammerst du", sagte Gott. "Mich lassen sie auch nicht hinein."

[Anthony de Mello: Warum der Schäfer jedes Wetter liebt]





Donnerstag, 12. November 2015

Amtsträger

Der neutestamentliche Amtsträger ist dadurch gekennzeichnet, daß er sich nicht als 'Mittler zwischen Gott und den Menschen' weiß (das ist die Funktion Christi ...), sondern als Presbyter (Ältester), Diakon (Diener), Apostel (Gesandter), Episkopus (Vorsteher) - also als Mitarbeiter am Heil der Gemeinde. ...
Im Laufe der Zeit jedoch erfolgte eine Sakralisierung und Verkultisierung des Amtes, die dem ursprünglichen Verständnis entscheidend zuwiderlaufen ...
Ein Symptom dieser Entwicklung war es, daß sehr bald aus dem 'heiligen Volk Gottes' (griechisch laós) die 'Nichtfachleute' wurden, die in allen religiösen Belangen entscheidend auf die Vermittlung durch die Priesterschaft angewiesen waren. Das Magische liegt hier darin, daß einerseits der Priester in den Augen des gläubigen Volkes immer mehr die Züge eines Medizinmannes erhielt, der über das Göttliche verfügt, der die 'Schlüssel des Himmelreiches' besitzt und die Macht hat, endgültig zu 'binden' und zu 'lösen' ...

[Gottfried Hierzenberger: Der magische Rest. Ein Beitrag zur Entmagisierung des Christentums]





Mittwoch, 11. November 2015

Der Kanzler

Gestern um 14:30 Uhr ist Helmut Schmidt gestorben, hochbetagt mit 96 Jahren.

In seinem letzten Buch "Was ich noch sagen wollte" schreibt er kurz über die Religionen.

"Für sämtliche Weltreligionen gilt, daß sie den Menschen Pflichten auferlegen. Keine der großen Religionen garantiert den Menschen Rechte ..."

"... die Religion eignet sich von jeher besonders gut zur emotionalen Mobilisierung von Massen. Der Dreißigjährige Krieg, den Christen gegen Christen mitten in Europa geführt haben, wurde allein wegen der machtpolitischen Interessen der beteiligten Staaten geführt."

"Die Vorstellung, daß das Heil einer Religion in ihrer möglichst umfassenden Verbreitung liegen soll, war mir immer fremd. Heute halte ich sie für zunehmend gefährlich. Und immer wieder habe ich die Erfahrung machen müssen, daß insbesondere viele Theologen sich nicht durch Toleranz gegenüber den Vertretern anderer Religionen auszeichnen. Das gilt für die Theologen fast aller Religionen ..."





Dienstag, 10. November 2015

Gerechtigkeit?

Es gibt keine Gerechtigkeit, sagte uns ein Anwalt allen Ernstes, es gibt nur Richtersprüche.

Bezogen auf die Kirche klingt das so: Es gibt keinen Glauben, es gibt nur Dogmen und Beharren auf früheren Verlautbarungen, genannt Tradition.

Genau das ist es, was die Kirche in ihrer Gesamtheit so unglaubwürdig macht. Und genau das ist es, was der jetzige Papst ändern will.







Montag, 9. November 2015

Volksfrömmigkeit

Vor vielen Jahren Flug nach Portugal zu einer Busreise von Lissabon nach Santiago de Compostela. Auch in Fatima wird Station gemacht. Ich "besuche" den großen Gottesdienst im Freien, genauer: Ich mische mich unter die Menge, stehe da und beobachte. Es ist heiß, es dauert lang, aber ich halte durch. Am Anfang war eine Marienstatue hereingetragen worden, nach Ende des Gottesdienstes heben sie einige Männer auf die Schultern und tragen sie - die Statue schwankt nur leicht - wieder hinaus. Da wird das Lied "Ave, ave ..." angestimmt, und die Menschen singen und winken mit kleinen weißen Tüchern der Statue hinterher. Sie winken so lange, bis die Marienstatue nicht mehr zu sehen ist.
Diese Szene am Schluß ist mir gut in Erinnerung geblieben, sie hat mich angerührt. 





Sonntag, 8. November 2015

Unbewußtheit

Wir sind im Stande, zwischen einem Himmelsabgrund über unserem Kopf und einem leicht zugedeckten Himmelsabgrund unter den Füßen, uns auf der Erde so ungestört zu fühlen wie in einem geschlossenen Zimmer.

[Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften]




Samstag, 7. November 2015

Wer denkt hier nicht an Augias?

"Auch in der Kirche gibt es Menschen, die sich an der Kirche bedienen, statt an die anderen zu denken", sagte der Papst gestern bei der Morgenmesse. ...
Der emeritierte Kurienkardinal Velasio De Paolis (80) hat auf die Medienberichte über angebliche Geldverschwendung um Vatikan reagiert. Nach Kritik an der Größe seiner Wohnung erklärte er sich bereit, in eine kleinere umzuziehen, falls Papst Franziskus dies wünsche. "Wenn mich der Papst morgen bittet, mein Appartement zu verlassen und in ein Kloster oder ein Zimmer des vatikanischen Gästehauses Santa Marta umzuziehen, wie er selbst es getan hat, gehorche ich und bedanke mich sogar", sagte De Paolis im Interview der Tageszeitung "La Stampa" ...

Der geneigte Leser wundert sich. Warum muß der Papst erst darum bitten, der hohe Herr könnte oder müßte selbst den Entschluß fassen umzuziehen.

 [Quelle]




Freitag, 6. November 2015

Ein bemerkenswerter Mann

Papst Franziskus ist ein bemerkenswertes Mann. In "Begegnung & Gespräch" III/2015 finden sich folgende Zitate:

Niemand wird ihn verbiegen, auch die Kurie nicht. [Santiago de Estrada]

Wie er sich Problemen annähert und sie anpackt, das zeugt von einer Naturbegabung. [Alejandro Russo]

Möge Gott euch vergeben, was ihr getan habt. [Franziskus zu den Kardinälen]

Wenn man das Böse, das man getan hat, nicht anerkennt, entzieht man sich der Verantwortung. [Jorge Maria Bergoglio]

Bergoglio ist lateinamerikanische Leidenschaft. [Abraham Skorka]

Am 6. November 2015 wird Franziskus wie folgt auf Twitter zitiert:
Eine Kirche, die auf Geschäftemachen fixiert ist, dient nicht, sondern benutzt andere.



Donnerstag, 5. November 2015

Poesie

Wie rasch vergeht doch alles, was vergeht!
Wie jung verstirbt doch alles vor den Göttern!
     Und alles ist wo wenig!
Nichts wissen wir, und Phantasie ist alles.
Umkränz mit Rosen dich und trink und liebe
     und schweig. Der Rest ist nichts.

[Ricardo Reis alias Fernando Pessoa]





Mittwoch, 4. November 2015

Wie heilig ist der Stuhl?

Es gibt ein neues Buch des italienischen Journalisten Nuzzi mit beunruhigenden Enthüllungen über schmutzige Geschäfte und Privilegien im Vatikan, über inoffizielle Bilanzen, aus denen Korruption und kriminelle Machenschaften hervorgehen.
[vaticaninsider]

In Nuzzis Buch geht es um Geldgier im Vatikan, um Missmanagement - und um den Widerstand gegen die von Papst Franziskus angestoßenen internen Reformen.  ... In einigen Fällen gewährt der Vatikan demnach Kardinälen oder Bürokraten Mieten, die 30 bis 100 Prozent unter dem ortsüblichen Marktdurchschnitt liegen. Statt der derzeit registrierten 6,2 Millionen Euro könnten ohne diese Rabatte etwa 191,4 Millionen eingenommen werden, schreibt Nuzzi. Einigen Kardinälen seien Apartments kostenlos überlassen worden - als Teil ihrer Gesamtvergütung oder eines Ruhestandspakets ... Ferner geht es um das lukrative Geschäft, das hinter Selig- und Heiligsprechungen steht ... der Autor schätzt, dass der durchschnittliche Preis für eine Seligsprechung bei etwa 500 000 Euro liegt ...
[Süddeutsche]

Wie sagte man früher nach der Verlesung des Evangeliums: So weit der heilige Text. Hier paraphrasiere ich: So weit die beschämenden Texte.






Dienstag, 3. November 2015

Einheit

Die Erde ist nicht einfach unsere Umwelt, sondern wir SIND die Erde. Die Erde und wir sind eins. 
[Thich Nhat Hanh] 

Wir sind ein Teil der Erde.
[Häuptling Seattle]

Du bist nicht im Universum, du bist das Universum, bist ein essentieller Teil von ihm. Im letzten bist du nicht eine Person, sondern ein Brennpunkt, an dem das Universum sich seiner selbst bewußt wird.
[Eckhart Tolle]

Sie alle sprechen von derselben Erfahrung. 

Im Alten Testament hingegen steht: Macht euch die Erde untertan! Was für eine Anmaßung, was für ein Zeichen der Blindheit. Die Testamentsvollstrecker waren fleißig, haben ganze Arbeit geleistet. Und sind stolz darauf.





Montag, 2. November 2015

Option für die Reichen?

Option für die Reichen ist ein Artikel von Hildegard Willer in Weltsichten v. 31. Oktober 2014 überschrieben. Steht Gott auf der Seite der Reichen oder der Armen, lautet ihre Eingangsfrage. Es geht u.a. um die Theologie der Befreiung, die unter dem neuen Papst an Akzeptanz gewonnen habe. Doch entzünde sich der theologische Disput in Lateinamerika heute weniger an der Befreiungstheologie, sondern an der Ausbeutung der Naturschätze.

Wie positioniert sich die Kirche? Option für die Reichen oder Option für die Armen, ist wohl nicht mehr die grundsätzliche Frage. Ich möchte die Frage nach Abschluß der Synode anders formulieren: Option für die Tradition oder Option für die Menschen? Eine Mehrheit der hohen Würdenträger steht allem Anschein nach eher auf Seiten der Tradition.





Sonntag, 1. November 2015

Allerheiligen

Wer ist ein Heiliger? Schwierige Frage, wer mag sich ein Urteil erlauben. Bei einer Reihe von Verstorbenen bin ich mir subjektiv sicher, daß sie als "heilig" gelten können, bei Pater Rupert Mayer zum Beispiel. Mit anderen sogenannten Heiligen tue ich mich schwer, etwa mit dem im Expresstempo (santo subito!) kanonisierten Papst Wojtyla. Vielleicht, weil er die Befreiungstheologie ausgebremst hat oder weil ich ihn ohnehin nie gemocht habe?

Wie steht es mit Martin Luther, hat nicht auch er das Zeug zum Heiligen? Er hat die Kirche von Ballast befreit, ist zu seinem Glauben und seiner Überzeugung gestanden. Hat oder besser: hätte zur Entweltlichung der Kirche maßgeblich beigetragen. Aber die "Kirche" hat es nicht begriffen, hat ihm den Prozeß gemacht, hat ihn exkommuniziert. Hat damit auf Grund ihrer Unbeugsamkeit ein Schisma in Kauf genommen. Und betet noch heute "um die Einheit der Christen", womit sie die Unterwerfung unter die Oberhoheit des Papstes meint.






Samstag, 31. Oktober 2015

Konstantin und ein Ende?

Unter Konstantin und nach ihm empfangen die Bischöfe im Rahmen des offiziell christlichen Reiches Privilegien und Ehrenstellen. Sie werden dem Stand der Illustri gleichgestellt und erhalten einen Platz in der staatlichen Hierarchie. Die Liturgie beginne sich in einem breiten Zeremoniell zu entfalten, in dem viele Einzelstücke dem Hofzerimoniell entlehnt sind: Prozessionen, aufwendige Kleidung, goldene Möbel und Gefäße, prunkhafte Entfaltung der liturgischen Zeremonien ...

Johannes XXIII sagte, es müsse Schluß sein mit dem zeitweiligen Bündnis zwischen der Kirche und dem 'Imperialismus des Geldes'. Alle von weltlichen Herrschaftstraditionen übernommenen Formen müssten in der Kirche beseitigt werden ... Und Papst Franziskus greift diese Forderung auf: Alles, was noch nach wie vor höfisch erscheint, müssen wir hinter uns lassen. ... Es geht um Umkehr, beim Papst angefangen ... Ständig umkehren, entsprechend dem, was Gott von uns erwartet. Und das versuche ich. ...

Ja, das nehme ich ihm ab, er redet nicht anders als er handelt. Ein Lichtblick!

[Klaus Mertes: Vom Konstantinischen Pakt zum Katakombenpakt. In: Stimmen der Zeit Heft 11/2015]







Freitag, 30. Oktober 2015

Unterscheidung der Geister

Ein Jesuit erklärt die ignatianische Praxis der "Unterscheidung der Geister", von der in der Synode wiederholt gesprochen wurde. Hauptkriterium sei der geistliche Trost, der vom guten Geist kommt und die geistliche Trostlosigkeit, die vom bösen Geist kommt. Das klingt plausibel, ist es doch eine alte Erfahrung: Wenn man sich nach einer Entscheidung innerlich gut und erleichtert fühlt und wenn dieses Gefühlt anhält, dann war die Entscheidung richtig.

Nur bei der Frage des Kommunionempfangs für wiederverheiratete Geschiedene soll diese Unterscheidung der Geister nicht gelten. Hier sei eine pastorale Unterscheidung der Situation erforderlich, nämlich ob jemand eine Ehe durch sein Verhalten zerstört hat oder ob jemand zu Unrecht verlassen worden sei. Was immer das auch heißen mag, welcher Außenstehende - sei er Priester, Bischof oder Papst - wird sich zutrauen, hier ein Urteil zu fällen?

Ihr Heuchler, ihr Wortklauber, ihr Orthodoxisten!

[Fundstelle]






Donnerstag, 29. Oktober 2015

Geist

Ich habe klar erkannt: Geist ist nichts anderes denn
Berge und Flüsse und die große weite Erde,
als die Sonne, der Mond und die Sterne.

[Zen-Meister Son-o zit. nach Philip Kapleau. Die drei Pfeiler des Zen]





Mittwoch, 28. Oktober 2015

Sohn Gottes

Hunderttausendfach belegt ist der Gottessohn-Titel in der ägyptischen Literatur, vor allem in der Ikonographie und in den Beischriften zu Darstellungen der Pharaonen, eine Dokumentation die fast die gesamte ägyptische Geschichte hindurch dem Pharao und seinen Epigonen das Geborensein aus Gott attestiert. Zum erstenmal ist diese Formel von der "Gottessohnschaft" belegt in der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr., und zwar unter dem Pharao Djedefre. Dieser Pharao hat zum erstenmal diesen Titel getragen, was natürlich nicht heißt, daß die Idee, vom Pharao als dem "Sohn Gottes" zu sprechen, erst in seiner Zeit aufgekommen ist.

[Manfred Görg: Mythos, Glaube und Geschichte. Die Bilder des christlichen Credo und ihre Wurzeln im alten Ägypten]





Dienstag, 27. Oktober 2015

Konsens um jeden Preis?

Da liegt nun ein Synoden-Schlußpapier vor (von einem Ergebnis, das diesen Namen verdient, kann man nicht sprechen), und nun wird heftig interpretiert.

Die reine Lehre sei verteidigt worden, freuen sich die einen. Eine Tür sei nicht zugeschlagen worden, jubilieren die anderen. Das Ergebnis sei mehrdeutig, lasse vieles offen, sagen wohl die meisten. Die Synode habe ohnehin nur beratenden Charakter, wird abgewiegelt, die Entscheidung liege beim Papst. Man sei eben eine Weltkirche, sagt Marx.

Die Synodenteilnehmer sind stolz darauf, einen Konsens erreicht zu haben. Warum muß es immer ein Konsens sein? Die ersten großen Kirchenfürsten, Petrus und Paulus, sollen heftig miteinander gestritten haben, als es um grundsätzliche Fragen ging, heißt es in der Apostelgeschichte. Manchmal kann man eine Auseinandersetzung nicht umgehen. Nicht so bei der jetzt zu Ende gegangenen Synode.

Ein großes Welttheater? Nein, nur ein kleines Theater in veralteten Kostümen mit mangelhaftem Drehbuch. Kein Ruhmesblatt für hochdekorierte Kirchenfürsten. Sollen wir uns freuen, daß wenigstens kein Schlafzimmer-Dogma verabschiedet wurde? Kaum. Das hätte wohl nur die berufsmäßigen Dogmatiker interessiert.







Montag, 26. Oktober 2015

Gotteserfahrung

Das rationale Element ist im Westen auch auf religiösem Gebiet so überbetont worden, daß es für den Glauben selbst ein Hindernis geworden ist. ...

Solange Gott noch begrifflich erfaßt wird, ist es nicht Gott, den wir uns gegenüber vorstellen, sondern nur ein Idol. ...

(Es) scheint uns, daß der Mensch in ein Stadium seiner geistigen Entwicklung eingetreten ist, in dem die Mystik nicht mehr Privileg einiger weniger ist, sondern ein Weg, der jedem offen steht. In diesem Sinne wurde ... gesagt, daß der moderne Mensch die Gotteserfahrung für sein religiöses Leben braucht. ... 

[Hugo M. Enomiya-Lassalle: Meditation als Weg zur Gotteserfahrung]




Sonntag, 25. Oktober 2015

Same procedure ...

Wer ist das "Volk Gottes", von dem oft und oft gesprochen wird? Das Volk Gottes sind die Laien, also mit Ausnahme von einigen wenigen fast alle der sogenannten Gläubigen.

Auf einer Synode haben die Laien nichts zu sagen. Da befinden hoch-dekorierte Heiligkeiten, Excellenzen und Eminenzen über das, was die Laien zu tun und zu lassen haben.

Man sagt zwar gerne: "vox populi, vox Dei", oder wenn nur viele laut genug rufen "Santo subito", dann wird schon mal einer schnell heilig gesprochen, man spricht auch vom "Priestertum aller Gläubigen" und wer weiß was nicht noch alles. Wenn's aber zur Sache geht, dann bleiben die hohen Prälaten doch lieber unter sich. Und geben sich mit einem mehr als dürftigen Synoden-Ergebnis zufrieden.

Man lädt zur Synode als Staffage ein paar Vorzeigefamilien ein - Exoten, Fremdkörper unter lauter Purpurträgern. Man errichtet dann sogar ein Dikasterium, eine Behörde, für Laien, Familie und Leben. Das muß man sich auf der Zunge zergehen lassen. Eine Behörde für Kleriker, Finanzen und Zölibat wäre mindestens so dringend, wenn nicht weitaus dringender.




Samstag, 24. Oktober 2015

Die Wiederverheirateten

Papst JPII hat gefordert, die wiederverheiratet Geschiedenen müßten "enthaltsam zusammenleben, um wieder die Sakramente wie die Kommunion empfangen zu können."

Für den Wiener Kardinal Christoph Schönborn und für die von ihm geleitete deutsche Synoden-Sprachgruppe ist die kirchliche Aufforderung zur Enthaltsamkeit in einer zweiten, zivil geschlossenen Ehe allerdings nicht zwingend erforderlich. Doch wünsche er "eine differenzierte kirchliche Betrachtung der Situation von wiederverheiratet Geschiedenen." [Fundstelle]

Schönborn hat wohl mehr erreicht, als viele der sogenannten Traditionalisten zugestehen wollen. Und doch: Ist das Ganze Hin und Her nicht eine beschämende und zugleich anmaßende Verdrehung der Botschaft Jesu? Da spielen sich amtliche Vertreter der Kirche zu Sittenwächtern auf. Fehlt nur noch, daß sie in jedem Schlafzimmer einen Kleriker installieren, der auf die Einhaltung der Bestimmungen achtet.

Man kommt sich vor wie im tiefsten Mittelalter.



Freitag, 23. Oktober 2015

Synodenblüten

Nein, kein Falschgeld in Umlauf. Aber die Synode treibt kurz vor ihrem Ende schon mancherlei Blüten.

Die einen verdächtigen Kardinal Marx, daß er seinen Thomas von Aquin, auf den er sich wiederholt beruft, nicht gelesen oder nicht verstanden hat. [Twitter]

Andere richten an den Papst die dringende Bitte, er möge kraft seines Amtes eine feierliche lehramtliche Erklärung abgeben, in der er die (geltende) katholische Ehe- und Sexualmoral voll bestätigt. Roma locuta, causa finita.

Weiter heißt es dort:
Die Organisatoren der Petition stellen ... fest, dass viele Synodenväter die Lehre der Kirche offensichtlich nicht mehr vollständig kennen und deshalb Vorschläge machen, die der Lehre widersprechen. Selbst „Familiaris consortio“, das letzte umfassende päpstliche Schreiben zum Thema Ehe und Familie, scheint manchen unbekannt zu sein.

Leben heißt sich verändern. Sich oft verändert zu haben heißt vollkommen zu sein. Eine Lektion, die nicht nur für Kirche und Religion gilt, sondern für alles Geschaffene. Selbst das Universum ist in ständiger Veränderung begriffen. Stillstand bedeutet Tod.






Donnerstag, 22. Oktober 2015

Mystik

Das mystische Leben blühte bereits Tausende von Jahren, bevor sich die ersten Weltreligionen als soziale Organismen den Weg in die Geschichte bahnten.

[Teasdale: The Mystic Heart]





Mittwoch, 21. Oktober 2015

Entweltlichung

Um ihre Sendung zu verwirklichen, werde die Kirche immer wieder auf Distanz zu ihrer Umgebung gehen, sie habe sich gewissermaßen zu entweltlichen ...
So der emeritierte Papst Benedikt in seiner Freiburger Rede im September 2011.

Entweltlichung? Ja, das ist ein guter Gedanke. Jesus, auf den die Kirche sich beruft, sagte, sein Reich sei nicht von dieser Welt.

Nur: Was bedeutet die Aufforderung zur Entweltlichung konkret? Genügt es, auf Distanz zur Umgebung zu gehen? Oder müßte die Kirche nicht vielmehr prüfen, wo sie innerhalb ihrer Struktur, innerhalb ihres Apparates allzu "weltlich" ist? Von Land zu Land mögen hier unterschiedliche Aspekte zu sehen sein. Bei uns im sogenannten Westen müßte die Kirche auf Machtausübung, auf innerkirchlichen Pomp, auf Privilegien, auf Mammon und wer weiß was noch alles verzichten. Wenn sie glaubwürdig sein will.

Verzicht auf die hochtrabenden Anreden "Eminenz", "Excellenz", "Heiligkeit" wäre zum Beispiel ein guter Anfang, kostenlos noch dazu. Verzicht auf die purpurfarbenen Gewänder und Bischofsmützen wäre ein nächster Schritt. 

Ich vermute, daß ich das nicht mehr erleben werde.




Dienstag, 20. Oktober 2015

Gottesbild

Was für ein Gottesbild vermittelt die Kirche?

Die in der Kirche etwas zu sagen haben, hören nicht auf zu behaupten, Gott sei die Liebe. Gott liebe die Menschen so sehr, daß er seinen Sohn ans Kreuz schlagen ließ, um ihre vielen, vielen Sünden zu sühnen. Denn der Mensch ist sündig. Schon am Tag seiner Geburt. Er trägt sein ganzes Leben lang die Erbsünde und noch viele andere Sünden mit sich herum.

Gott liebt uns Menschen, das ist so weit also klar, aber wenn wir nicht tun, was er will, wenn wir ihm nicht geben, was er möchte, kurz: Wenn wir nicht brav sind, dann werden wir eine ganze Ewigkeit lang in der Hölle schmoren und unermeßliche Qualen erleiden. So ist das.

Was ist das anderes als eine double-bind Botschaft! Eine krankmachende, eine perverse Botschaft. Sie zeigt, daß mit dem kirchlichen Konzept etwas Grundlegendes nicht stimmen kann. 




Montag, 19. Oktober 2015

Mann der Tat

Er redet nicht nur und macht viele schöne Worte, sondern er tut, was er sagt: Papst Franziskus. Heute eher eine Seltenheit. Er läßt die Rückwärtsgewandten reden und bleibt bei seiner Linie.

Er will die Kirche "umbauen" oder sagen wir mal: ändern, synodal soll sie künftig sein. Genauer: Sie ist es schon, nur ging das im Vatikan-Zentrismus mehr und mehr unter. Hans Küng hat schon vor 50 Jahren in seinem Buch "Strukturen der Kirche" für eine konziliare oder synodale Kirche plädiert. 

Und nun trauen sich auch andere aus der Deckung, Kardinal Marx zum Beispiel. Immerhin.